Roman: Cassandra


„Cassandra“ Die Angst hat zwei Gesichter

21271507Broschiert:
352 Seiten
Verlag:
Pro Business; Auflage: 1
(22. November 2012)
Sprache:
Deutsch
ISBN-10:
3863863402
ISBN-13:
978-3863863401
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LESEPROBE

Am Anfang war ich Kind

„Ich lebte gern und viel“, sage ich heute immer.
Und das stimmt auch irgendwie. Ich lebte in verschiedenen Ländern mit verschiedenen Männern. Und mit ihnen auch in verschiedenen Lebenslagen. Alle wollten mich glücklich machen. Und doch hat jeder von ihnen hauptsächlich sich selbst glücklich gemacht – in der Zeit, als ich bei ihnen war. Ich freute mich für sie. Aber irgendwann kam immer die Zeit, da die Freude vorbei war, ich meinen rosa Koffer packte und  in der Hoffnung weiter zog, irgendwo den Mann meines Lebens zu finden. Ich konnte mich immer schnell über alles freuen – egal ob es wegen einer Sonnenblume oder eines guten Essens war. Ich freute mich einfach wegen des schönen Tages. Über eine Sache freute ich mich allerdings immer ganz besonders: Schokolade.Wenn ich könnte, würde ich Häuser, Städte oder sogar Länder aus Schokolade bauen. Davon haben wir als Kinder doch alle einmal geträumt.  Eine Welt aus Schokolade würde mir auch heute noch gut gefallen. Da fühle ich mich sofort wieder wie ein Kind. Und egal wie hart meine Kindheit war, ich erinnere mich gern an sie, besonders gern aber an den Genuss von Schokolade. Oft hat mir diese dunkelbraune, süße Medizin die schlechte Laune vertrieben, also verordnete ich mir diese etwas ungewöhnliche Heilmethode. Auch heute ist das noch so. Schokolade gehört zu meinem Leben. Ich bin froh, dass sie „erfunden“ wurde. – Sie schmeckt natürlich im Winter ganz besonders lecker. Und wenn ich deswegen ein paar Kilo zunehme – na und! Der Sommer bietet genug Möglichkeiten, die Schokoröllchen wieder wegzutrainieren. Schade allerdings, dass Weinachten nur  im Winter ist – Sie wissen schon, wegen der Schokolade. Aber ich mag auch den Winter wegen des Schnees nicht. Und dem ist es egal, ob ich Schokolade esse oder nicht. Es gibt also nichts, was mein Leiden im Winter leichter machen könnte. Schnee ist zwar schön anzuschauen, aber irgendwie auch gruselig.Wenn ich Schnee sehe, kommen immer meine Erinnerungen an die Dämonen und an das Blut, für das diese Dämonen verantwortlich waren. Jetzt sind die Dämonen wieder da, sind mit dem ersten Schnee zurückgekehrt und rauben mir nicht nur den Schlaf, sondern auch den Verstand. Schmilzt der Schnee, verschwinden sie wieder, bis der nächste frische Schnee fällt. Jahr für Jahr geht das so. Und jedes Jahr hoffe ich erneut auf den Tod, damit das alles für immer vorbei ist und ich im nächsten Jahr nicht wieder Angst vor der kalten Zeit haben muss. Doch ich lebe und muss die Dämonen ertragen, die mich jedes Jahr aufs Neue in den Wahnsinn treiben, wie in einem unendlichen Film. – Werde ich sie jemals los? Nun sind so viele Jahre vergangen, doch in meinen Gedanken und Träumen sehe ich sie immer noch, rieche und höre sie. Und alles ist so lebendig, als ob es erst gestern passiert wäre. Sie wirken auf mich so realistisch, dass ich irgendwann den Überblick verliere und nicht mehr weiß, was Vergangenheit und was Gegenwart ist. Am Ende bin ich verwirrt und komme mit mir nicht mehr zurecht. Darunter leidet auch meine Umwelt, denn keiner kann mir helfen. Niemand sieht die Dämonen, nur ich alleine. Helfen kann ich mir also nur selbst. Nur, wie schalte ich sie aus? Muss ich wirklich erst sterben, um endlich meine Ruhe zu finden? – Zweiundzwanzig Jahre lang kommen sie jede Nacht kurz vor dem Einschlafen und ernähren sich von meiner kranken Seele. Das macht mir heute immer noch Angst, auch wenn ich weiß, dass sie  mir nichts mehr antun können. Ich weiß, dass ich besser bin als sie, habe es auch bewiesen, und trotzdem kommen sie und tun mir seelisch und körperlich weh. In dieser Zeit vermeide ich es einzuschlafen, damit sie nicht in meine Träume eindringen können. Das macht mich schon nach zwei Wochen sehr schwach und krank. Ich hasse Schwäche, welcher Art auch immer. Aber ich bin einfach nicht fähig, meine Schwäche abzulegen. – Morgens wache ich schweißgebadet auf und hoffe auf ein Ende des Winters und dass es das letzte Mal ist, da die Dämonen mich aufsuchen und malträtieren. Denn in diesem Winter bin ich mit dem Schreiben beschäftigt.  Ich habe mein Gehirn trainiert, sich mit etwas anderem zu beschäftigen. Und wer weiß, vielleicht hilft mir das Schreiben, die Dämonen loszuwerden. Die Hoffnung stirb zuletzt, sagt man. Und ich hoffe inständig, auch wenn der Glaube daran schwerfällt, denn nichts und niemand konnte mir bisher helfen, gegen diese Dämonen anzukämpfen. Wenn man aber jemanden an seiner Seite hat, auf den man sich verlassen kann, lässt sich das Ganze besser ertragen.Es ist sehr ärgerlich, dass mir das alles passiert ist und ich dadurch so ein Mensch geworden bin. Egal wie sehr man mich auch liebt, meine Dämonen machen alles zunichte. Da gibt jeder irgendwann auf. In der Schule war ich als „Roma“ ein Kind, das keiner wollte. Niemand saß freiwillig neben mir.